Mein Unterschied zwischen „Verstehen“ und „Verständnis haben“ – und warum Verständnis jetzt manchmal später kommt

Das P.S. setze ich hier mal an den Anfang, im Dezember 2020: Seit ich diesen Blogbeitrag geschrieben habe, habe ich mich noch weiterentwickelt. Ich lasse diesen Beitrag hier trotzdem stehen, als Zeichen meiner Entwicklung. Mittlerweile habe ich zur Gewaltfreien Kommunikation gefunden.
Was ich hier damals versuchte zu beschreiben ist: Mir Selbstempathie zu geben, bevor ich auf die Bedürfnisse und Gefühle eines anderen Menschen schauen und mich damit verbinden kann. In mich sehen: Was wurde jetzt in mir ausgelöst. Und ich hatte in diesem Artikel hier zwei Dinge vermischt: Vorsätzliche Verletzungen, ja Menschen fügen anderen vorsätzlich Schmerz zu. Das bewerte ich nicht, auch hier versuche ich mich einzufühlen. Und Verletzungen, die ich als solche empfinde, weil etwas in mir ausgelöst wurde.
Eines ist mir in jedem Fall in jeglicher zwischenmenschlicher Beziehung wichtig: Hinter das zu schauen, was gesagt und getan wurde. Einfühlen: Was sind jetzt die Bedürfnisse und Gefühle dieses Menschen? Und mich selbst dabei nicht vergessen. So entsteht Verbindung. Und das meine ich mit Verständnis. Verstehen, auf der Sachebene bleiben: Nur die Worte und Taten eines Menschen sehen, mit meinen Interpretationen und Analysen mischen, macht für mich zwischenmenschliche Verbindung unmöglich. In den letzten Tagen habe ich darüber geschrieben:

Hinter Worte schauen – See Me Beautiful

Und ab jetzt mein Beitrag aus dem Januar 2019:

Es heißt ja oft, es gibt einen Unterschied zwischen:
„Ich verstehe dich / das.“ und „Ich habe Verständnis für dich / dafür.“
Da Verständnis bei mir allerdings immer fast zeitgleich zum Verstehen passierte, habe ich mir darüber nie wirklich Gedanken gemacht. Seit dem Trauma und der PTBS, seit Selbstreflexion und Achtsamkeit hat sich das bei mir allerdings verändert. Wo bei mir der Unterschied zwischen „Verstehen“ und „Verständnis“ liegt:

Verstehen bedeutet für mich eher, etwas rational aufnehmen und wahrnehmen. Ich habe es aufgenommen, ich weiß es jetzt. Sachebene nennt sich das wohl.
Verständnis hingegen ist tiefer – Verständnis ist ein emotionaler Prozess, mich damit identifizieren, Mitgefühl entwickeln, empathisch sein. Und oft genug braucht es zwei Seiten, die mit offenem Herzen kommunizieren, damit Verständnis wirklich möglich ist.
Jeder Mensch möchte verstanden werden, möchte das ihm Verständnis entgegengebracht wird, gerade in zwischenmenschlichen Beziehungen ist uns das doch so wichtig – besonders im Falle einer Verletzung.
Früher hatte ich fast immer Verständnis, mir hat jemand weh getan, mir erklärt warum (oder auch nicht) und sofort habe ich Verständnis gezeigt und verziehen. So war ich seit frühester Kindheit geprägt – Nachsicht und Rücksicht und immer Verständnis haben!

Oft genug allerdings bin ich beim Verständnis für mir entgegengebrachte Verletzungen nicht den notwendigen Prozess für mich gegangen:

  • Erklärung anhören – rational verstehen
  • in mich reinhören – Wie fühlt es sich an?
  • Meine Seite kommunizieren – Was hat es mit mir gemacht?
  • Mich dann versuchen einzufühlen – Was steckt hinter der Verletzung?
  • Abstand gewinnen – es emotional für mich verarbeiten
  • Meine Bedürfnisse äußern – Ich brauche Zeit!
  • Empathie und Erkennen – Was hat den anderen dazu bewegt?
  • Verständnis wirklich im Herzen finden und das auch so kommunizieren!
  • Selbstmitgefühl UND Verständnis gehen Hand in Hand

Verständnis und oft auch ein damit verbundenes Verzeihen kommen nun mal nicht eben immer wie aus der Pistole geschossen. Verständnis für einen Menschen haben UND mich nicht selbst dabei vergessen. Ich kann durchaus verstehen, warum jemand etwas gesagt oder getan hat. Wie ich dann allerdings reagiere, hat immer etwas damit zu tun, wie es mir damit geht und wie es sich für mich anfühlt. Erst wenn ich damit im Reinen bin – dieser emotionale Prozess und die Reflexion abgeschlossen sind – dann und erst dann: Kann ich wirkliches und gefühltes Verständnis haben!

„Du warst doch früher so verständnisvoll.“
Das bin ich immer noch. Nur heute nehme ich mir Zeit, Zeit für mich. Und manchmal dauert es eben mit dem Verständnis.
„Ich verstehe dich, ich weiß warum du es getan hast UND ich muss das erst mit mir selbst ausmachen. Echtes Verständnis kommt immer aus dem Herzen. Und erst dann, wenn ich wirklich so weit bin, dann bringe ich es jemandem entgegen. Denn Verständnis ist etwas, was man fühlen kann.

Und zum ersten Mal in meinem Leben fühlt sich das richtig an. Und ja, natürlich schreibe ich diesen Artikel, weil ich gerade in dem Prozess bin, Verständnis für jemanden haben zu wollen und es nicht zu können. Weil es sich für mich NOCH nicht richtig anfühlt.

Photo by Chris Ensey on Unsplash

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